Statt eines Vorwortes
»Ein Wind weht von Süd und zieht mich hinaus auf See mein Kind sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh
Mein Herz geht an Bord und fort muss die Reise gehn
Dein Schmerz wird vergehn und schön wird das Wiedersehn!«
Aus: „La Paloma“, eines der am meisten gesungenen Liedern der Welt. Es wurde in verschiedenen Sprachen zum Hit und nicht nur von populären „Seebären“ wie Hans Albers oder Freddy Quinn gesungen, sondern unter sehr vielen anderen auch von Dean Martin oder Elvis Presley.
Es war ein ganz normaler Tag in Hamburg, abends komme ich an Bord zurück; es ist eine sternenklare Nacht, Schiffe und Lichter sind auf der Elbe zu sehen, der Atem des Flusses ist spürbar, leises Wellenrauschen am Strand. Es ist Vollmond, der Fischreiher steht wieder in der Einfahrt im Schlick, auf dessen nass glänzender Oberfläche sich das Mondlicht spiegelt. Wo er nur tagsüber immer bleibt? Abends habe ich ihn schon öfter gesehen. Wie unendlich privilegiert wir doch sind, hier wohnen zu dürfen! Jedes mal wenn ich nach Hause komme denke ich das in letzter Zeit, es ist gut dass dies einmal in Frage gestanden hat. Selbst Ole mit seinen drei Jahren steht häufig beim Nach-Hause-Kommen auf der Mole und guckt ganz in sich verloren und nachdenklich auf die Elbe, sieht wohl die Schiffe, die Möwen, die Enten. Was weiß ich denn schon, was dann in seinem Kopf vorgeht – aber er mag es, hier auf dem Schiff zu wohnen. Das ist sicher.
Wohnst du etwa noch an Land?
Ich wollte schon immer auf einem Schiff wohnen. Ich kann es gar nicht mehr begreifen, wie man in so einem toten Ding, einem Mausoleum gleich, also in einem Haus leben kann. Das bewegt sich nicht, es macht keine Geräusche; es stöhnt und ächzt nicht wenn die Wellen es heben und senken und es klappert und klötert nichts, wenn der Wind aufkommt und ins Rigg fährt. Es gibt selten frische Luft oder Möwengeschrei, nie wird man gemütlich in den Schlaf gewiegt, während an einem Ohr das Wasser, außen an der Bordwand und gar nicht weit weg, so beruhigend und einschläfernd plätschert. Viele Hausbewohner, das habe ich mir sagen lassen, kriegen kaum etwas vom Wetter mit. Sie merken vielleicht so gerade eben noch, ob es draußen regnet oder schneit; aber dabei wissen sie noch nicht einmal ob es gerade Hoch- oder Niedrigwasser ist, ob der Luftdruck steigt oder fällt, ob sich eine neue Front mit Böen und Schauern ankündigt oder ob sich das Wetter stabilisiert und ruhig wird. Ich bitte Sie: wie kann man auf Dauer so existieren?
„Häuser sind nichts als schlecht gebaute Boote, so fest aufgelaufen, dass man gar nicht daran denken kann sie zu bewegen. Sie gehören definitiv zu den untergeordneten Dingen, sie gehören zum Gemüse und nicht zur Welt der Tiere, unfähig zu fröhlicher Veränderung. Als Ausnahmen würde ich, unter Bedenken, allenfalls noch Schneckenhäuser und Caravans gelten lassen. Das Bedürfnis ein Haus zu bauen ist der müde Wunsch eines alten Mannes, der sich fortan mit einem einzigen Ankerplatz bescheiden möchte. Der Drang jedoch, ein Boot zu bauen, ist das Verlangen der Jugend, die sich noch nicht mit der Idee eines finalen Ankerplatzes abfinden kann.“ So schreibt es Arthur Ransome gleich zur Eröffnung des wunderbaren Buches „Racundra’s First Cruise“. Das Boot „Racundra“ wurde in den Jahren 1921 und 1922 in Riga, Lettland, gebaut. Ransome war damals, als Korrespondent einer englischen Tageszeitung, in Russland und im Baltikum unterwegs und segelte dann die im Buch beschriebene erste Reise mit einem alten Seemann und seiner Geliebten, ausgerechnet der Sekretärin von Trotzky, an Bord. Die Russen kannte er wohl überhaupt ganz gut: Lenin hatte er mehr als einmal in einer Partie Schach besiegt. Vielleicht hatte er ja Glück, dass er danach noch lebte! Aber vor allem wollte er auf seinem Schiff leben, solange es auf diesem relativ kleinen Boot von weniger als zehn Meter Länge eben möglich war.
Das wollte ich, wie schon gesagt, auch. Seit ich zum Segeln kam war es so. Das allerdings passierte erst spät in meinem Leben: weil meine Familie in London wohnte (das ist noch eine andere Geschichte) während ich dort die englische Grundschule besuchte, begann ich erst in der fünften Klasse mit dem Segeln. Da kam ich nämlich nach Hamburg zurück und wurde in Blankenese eingeschult. Das war damals noch ein relativ normaler Vorort von Hamburg, jedoch mit einem wichtigen Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen relativ normalen Vororten anderer relativ normaler Städte. Hier segelte wirklich jede zweite Familie und wenn man an einer großen Regatta auf der Elbe teilnehmen musste, bekam man dafür schon mal schulfrei. Oder schwänzte einfach. Meine Freunde und ich hatten unsere Jollen unten am Elbufer liegen und verbrachten natürlich auch etliche Schulstunden auf dem Wasser. Vorzugsweise die späten und, wie wir fanden, auch unwichtigen: Kunst oder auch Religion in der siebten Stunde, am frühen Nachmittag, zum Beispiel. Allerdings hing das auch immer vom Wetter und von der Tide ab. Übrigens hatten wir dort eine Zeitlang einen Religionslehrer, der im Unterricht mit Begeisterung vor allem vom Segeln erzählte. Immerhin war er schon mal Einhand nach Bornholm geschippert, wenn auch bestimmt nicht wirklich alleine sondern mithilfe des „Herrn“, aber so was beeindruckte einen Steppke wie mich damals eben trotzdem.
Ich wurde, glaube ich, so um 1970 herum dort eingeschult. Die 69er Revolution hatte ich damit gerade eben verpasst, das Nachhallen davon wirkte allerdings noch gewaltig. Ich interessierte mich plötzlich für Politik (aber auch das ist wieder eine ganz andere Geschichte). Es war, um es ganz kurz zu sagen, ein Kulturschock. Aus der strengen englischen Schule, mit Zucht und Ordnung und Uniform und braven, angepassten kleinen Schülern kopfüber hinein in den Aufruhr nach Deutschland, wo alles und jeder und vor allem jede Autorität infrage gestellt wurde. Damals war ja überhaupt alles anders, vieles natürlich, wie immer im verklärenden Rückblick, besser, aber auch nicht nur: Es gab zum Beispiel noch Unterricht am Samstag. Das wurde jedoch so konsequent torpediert, von den Schülern wie den Eltern, dass der Unterricht am Wochenende bald vorläufig eingestellt und dann ganz abgeschafft wurde. Schließlich brauchte man die Wochenenden, die vollen Wochenenden, zum Segeln. Jedenfalls dann, wenn man nicht gerade gegen irgendwas demonstrierte. Nach einer Weile stellten wir mit den Jollen allerhand an. Das Handwerk und die Kunst des Segelns lernte ich von meinen Eltern, die natürlich auch beide schon seit Kindesbeinen gesegelt waren, ebenso wie mein Opa mütterlicherseits. Der hatte einst eine Jolle im Hafen von Teufelsbrück liegen. Just dort also, wo ich viele Jahrzehnte später, nach etlichen köstlichen Irrungen und Wirrungen, mit meiner eigenen Familie an Bord eines 100 Jahre alten und 25 Meter langen Segelklippers wohnen würde. Aber ich greife vor.
Wie gesagt, mit den Jollen ließ sich schon was anfangen. Nicht nur segeln. Unter einer Persenning konnte man auf den Bodenbrettern recht gemütlich campieren. Meist zu zweit. So fühlten wir uns vollkommen frei, wenn wir mit den Jollen übers Wochenende den Fluss hinab segelten, Richtung Nordsee und Abenteuer, und nachts an Bord schliefen. Wer wollte, wer konnte uns hier noch etwas sagen oder gar vorschreiben! Dies war der erste zarte wie starke Geschmack eines potenziell abenteuerlichen und autarken Lebens. Dazu Musik, Joints, Alkohol, Mädchen. All diese komplizierten und leidvollen Erfahrungen aus der Pubertät, sie fanden für mich alle auf den Booten oder im entsprechenden Umfeld statt. Dass das alles insgesamt dann doch noch einigermaßen glimpflich verlaufen ist, wundert mich heute noch in so manch stillen Momenten. Und wie aus mir noch jemals etwas „Anständiges“ werden soll, ist mir auch immer noch nicht klar. Aber wie dem auch sei, nach und nach wurde das Segeln zum Lebensinhalt, da konnte ich gar nichts gegen machen, weil es sich so ganz allmählich in mein System einschlich. Ein ganzes Leben an Bord! Wann dieser Gedanke das erste Mal so klar auftauchte, kann ich nicht mehr sagen. Begleitet hat er mich aber schon sehr lange, losgelassen nie mehr.
Übrigens war Sex auch immer ein Motiv. Diese unglaubliche Freizügigkeit und sich aufgrund der beengten Platzverhältnisse ganz von allein einstellende Intimität an Bord! Und Erlebnisse, die einen noch Jahrelang später verfolgten. Mein Freund Christoph und ich waren einst zu einem harmlosen, abendlichen Sonnenuntergangstörn ausgelaufen, auf der Unterelbe, mit an Bord auch eine attraktive Mitschülerin. Die, auf dem 25-jährigen Abitursklassentreffen, noch ein Vierteljahrhundert später behauptete: Ihr seid damals doch mit voller Absicht bei ablaufendem Wasser auf der Schlickbank aufgelaufen! OK, wir lagen in jener lauen Sommernacht an die sechs Stunden oder länger dort fest, auf einem schief im Schlick steckenden Kielboot. Und schliefen, weil es eben nicht anders ging, zu dritt zusammengerollt auf der Innenseite der Bordwand. Aber mit Absicht? Das klingt im Nachhinein, wenn man so alt und brav geworden ist, wie ein Kompliment. Dabei hatte sie sich damals, das erinnere ich natürlich noch, so positiv über mich geäußert: Du siehst gut aus. Vermutlich redete sie jedoch nur mit meiner Unterhose. Rot war sie, hell und leuchtend wie frisches Blut, dazu knapp und eng. Heute wäre es mir auch peinlich, schon gut. Doch mit 16?
Was lernten wir damals? Mädchen konnte man, so ganz romantischer Seemann, an Bord eines Segelbootes besonders gut – beeindrucken. Auch als junger Erwachsener segelte ich lieber mit Frauen als mit Männern auf meinen Schiffen, was immer mal wieder Anlass zu niederträchtigen Kommentaren von anderen, männlichen Seglern gab: Da kommt ja der mit seinem Haremsdampfer angesegelt. Oder so ähnlich. Ist das nicht das Paradies? Aber ja! Auch, wenn es natürlich nicht immer ganz so war, wie es wohl auch nicht jeder immer ernsthaft geglaubt haben wird.
Boote sind Leben. Sie müssen daher unbedingt gebaut oder, zumindest, gekauft werden. Es geht gar nicht anders. Der Gedanke beginnt als kleine Wolke am Horizont und endet erst, wenn er das gesamte Bewusstsein ausfüllt. Ein Haus? Eine Banalität. Niemals, nicht mit mir! Hatte ich nicht schon etliche Jahre als Seenomade auf verschiedenen kleinen Segelbooten zugebracht? Das waren meine vermutlich besten Jahre. Und jetzt soll ich den kümmerlichen Rest meines Lebens an Land verschwenden?
1. Kapitel aus dem Buch
Flaschenpost und Wolkenkino
Paperback im Format 13,5 mal 21,5 Zentimeter
144 Seiten
Preis: 9,80 Euro
ISBN 3837049213
Mehr Infos unter www.flaschenpost-und-wolkenkino.de
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Wasser ist Bewegung, Wasser ist Leben. Aber Leben auf dem Wasser? Zumindest in Deutschland ist das eher ungewöhnlich. Dabei gibt es keine schönere Art zu wohnen und zu leben, meint zumindest der Autor dieses Buches, Detlef Jens. Jahrelang war er, mit verschiedenen Yachten, auf den Meeren unterwegs und traf dabei die wunderbarsten Menschen. Jetzt, mit Familie, ging er zwar in Hamburg vor Anker – aber deswegen noch lange nicht an Land.
Das Buch „Flaschenpost und Wolkenkino“ ist – ja, was? Roman? Dokumentation? Autobiographie? Bericht? Von allem etwas. Es ist vor allem die humorvoll und unterhaltsam erzählte Geschichte eines Lebens auf und mit Segelschiffen. Von einer jungen Familie, die auf einem sehr alten Frachtsegler lebt. Und von den unterschiedlichsten Menschen, die eines eint: Die Leidenschaft für die See und das unstete Leben auf dem Wasser. Mit anderen Worten: Verrückte, Boatbums, Liveaboards, Seenomaden. Wer auch nur einen Tropfen Salzwasser im Blut hat, den wird dieses Buch nicht kalt lassen – es entführt in eine andere Welt, die zu entdecken sich für Landratten ebenso lohnt, wie für gestandene Seebären.
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Autor Detlef Jens |
Detlef Jens liebt das Leben auf dem Wasser. Der Journalist, Autor und Übersetzer wuchs in London und Hamburg auf und war jahrelang mit verschiedenen Segelyachten unterwegs. Dabei veröffentlichte er seine Arbeiten in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen in Deutschland, England, Frankreich, Italien und den USA und schrieb nautische Fachbücher.
Heute ist er Chefredakteur der Zeitschrift „Segel Journal“ und schreibt Bücher, darunter auch die Reihe „Die klassischen Yachten“ (Koehlers Verlagsgesellschaft, Hamburg).