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Retten aus Leidenschaft: Ehrenamt im Dienste der Seefahrer

Interview mit dem Vormann Michael Heinzius, 65, von der DGzRS-Station Hörnum/Sylt

Vormann Michael Heinzius<br>(Foto: fahrtensegeln.de/Kurbjeweit)

In Hörnum auf Sylt hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) seit 1936 eine Rettungsstation. 2006 wurde das 10,1-Meter-Seenotrettungsboot HORST HEINER KNETEN in Betrieb genommen. Fahrtensegeln.de traf in Köln Ende 2012 den Vormann Michael Heinzius.

Fahrtensegeln.de: Wie wird man Vormann bei den Seenotrettern?
Heinzius: Ich bin Segler und besitze eine 10-m-Segelyacht. Allein dadurch war mein Interesse für die DGzRS groß. Und ich habe als Maschinenbauer auf einer Werft gearbeitet und war somit auch beruflich mit der See verbunden. Vor 22 Jahren habe ich mich als ehrenamtlicher Seenotretter gemeldet. Von da an habe ich neben den amtlichen geforderten Nachweisen immer wieder umfangreiche Aus- und Fortbildungen bei der DGzRS erhalten. Seit fast 10 Jahren bin ich jetzt Vormann auf der Station Hörnum/Sylt.

Fahrtensegeln.de: Was ist eigentlich ein Vormann?
Heinzius: Die DGzRS wurde 1865 gegründet. Da fuhr man mit Ruderrettungsbooten auf See hinaus, um Schiffbrüchigen zu helfen. Alle Besatzungsmitglieder mussten rudern und saßen mit dem Rücken zum Bug. Der Einzige, der nach vorne schauen konnte, war der Rudergänger, der Vormann. Der Name ist bis heute geblieben. Der Vormann ist im jetzigen Sprachgebrauch der Kapitän des Rettungsschiffes und Leiter der Rettungsstation.

Historisches Ruderrettungsboot mit Vormann (Gemälde von Claus Bergen/Foto: DGzRS)

Fahrtensegeln.de: Wie viel verdient man als Seenotretter?
Heinzius: Auf der Station Hörnum/Sylt arbeiten acht Personen. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. So wie 800 weitere Frauen und Männer an den deutschen Küsten. Zusätzlich sind ca. 180 Seenotretter fest angestellt. Die DGzRS wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Das sind im Jahr 30 bis 33 Millionen Euro. Die benötigen wir, um unseren Betrieb aufrecht zu halten und immer wieder in die Modernisierung unserer Schiffe zu investieren. Wir erfüllen als Seenotretter zwar hoheitliche Aufgaben, arbeiten aber ohne irgendwelche staatlichen Zuschüsse. Somit sind wir in unserem Handeln vollkommen unabhängig und nur den Menschen verpflichtet, denen wir helfen.

Fahrtensegeln.de: Haben Sie eigentlich Herzklopfen, wenn Sie bei schwerer See, Sturm und schlechtem Wetter mit Ihrem Rettungsschiff auslaufen?
Heinzius: Nein, ganz ehrlich nicht. Ich führe ein kleineres Seenotrettungsboot der 10-m-Klasse mit nur 1 Meter Tiefgang. Diese Boote sind äußerst stabil gebaut und bestens ausgerüstet. Das ist Hightech vom Feinsten. Und wir üben und üben immer wieder. Da gewinnt man Vertrauen zu Schiff und Team. Vor der See an sich, auch wenn Wellen von über 2-3 Metern sich vor der Sylter Küste auftürmen, habe ich Respekt, aber keine Angst. Denn ich weiß, dass das Rettungsboot dies ohne Probleme bewältigt.

Nach 22 Jahren als Seenotretter vertraut Michael Heinzius dem Rettungsboot Horst Heiner Kneten völlig (Foto: DGzRS)

Fahrtensegeln.de: Wer sind denn Ihre sieben anderen Kollegen im Team?
Heinzius: Das sind Männer von Sylt aus den verschiedensten Berufsgruppen. Handwerker und sogar ein Verwaltungsangestellter. Die meisten sind noch berufstätig. Im Notfall dürfen sie aber auf der Stelle ihren Arbeitsplatz verlassen, um zum Rettungsboot zu eilen. So sind wir in wenigen Minuten einsatzbereit.

Fahrtensegeln.de: Wie ist es organisiert, wenn ein Notruf bei Ihnen eingeht?
Heinzius: Alle acht Seenotretter der Station erhalten eine Benachrichtigung per Mobiltelefon, und das gleichzeitig. Die ersten, die am Rettungsboot sind, fahren los, sobald genügend Retter da sind, auch wenn sich andere auch auf den Weg gemacht haben. Die Rettung und unser Einsatz werden von der Seenotleitung in Bremen koordiniert. Oft sind auch weitere Rettungsschiffe der DGzRS gleichzeitig mit uns auf dem Weg zur Unglücksstelle. Da die Nordsee ja Tidengewässer ist, sind wir mit unserem kleineren Rettungsboot oft gefragt, weil wir nur 1 Meter Tiefgang haben. Durch Ebbe und Flut gibt es ca. 2 Knoten Strom und bei Sylt einen Tidenhub (Höhenunterschied zwischen Niedrig- und Hochwasser) von ca. 2 Metern.

Ertay Hayit, Chefredakteur Fahrtensegeln.de, im Gespräch mit Vormann Michael Heinzius (Foto: fahrtensegeln.de/Kurbjeweit)

Fahrtensegeln.de: Und Ihre Einsätze?
Heinzius: Kürzlich haben wir einen Fischkutter vor der sicheren Strandung auf Sylt bewahrt. In seinem Propeller hatte sich das Fischernetz verfangen. Er war manövrierunfähig und trieb auf die Insel zu.
Oder wir haben zusammen mit anderen Rettungsschiffen 150 Personen von einem Ausflugsschiff evakuiert, das am Abend bei Niedrigwasser zwischen Sylt und Amrum auf Grund gelaufen war. Das hat zwar einige Stunden gedauert, aber den Passagieren blieb so eine kalte ungemütliche Nacht an Bord des Fahrgastschiffes erspart, das erst viele Stunden später frei kam. Ansonsten sind wir auch oft auf Kontrollfahrt und kümmern uns um erschöpfte Schwimmer oder Windsurfer, die durch Strömung und Wind aufs offene Meer abgetrieben werden und nicht mehr an Land zurück schwimmen können.

Herr Heinzius, ich wünsche Ihnen, auch im Namen der Leser von Fahrtensegeln.de, alles Gute und jederzeit gute Fahrt und insbesondere ein gesundes Zurückkommen nach Ihrem Rettungseinsatz.


Das Gespräch führte Ertay Hayit

Das Seenotrettungsboot Horst Heiner Kneten der Station Hörnum auf Sylt (Foto: DGzRS)

Weitere Informationen:

Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger
Werderstraße 2
28199 Bremen
Telefon: +49 (0)421 / 53 707 - 0
Telefax: +49 (0)421 / 53 707 - 690
www.seenotretter.de

Alarmierung in Seenotfällen:


SEENOTLEITUNG (MRCC) BREMEN über die UKW-Kanäle 16 und (DSC) 70, BREMEN RESCUE RADIO mit dem Rufnamen "Bremen Rescue",
Telefon: +49 (0)421 / 53 68 70.
Mobil-Telefonnummer 124 124 im Abdeckungsbereich der deutschen Mobilfunknetze an der deutschen Nord- und Ostseeküste sowie über die Seenotkreuzer der DGzRS und die internationale Schifffahrt auf den entsprechenden Sprechfunknotfrequenzen und im DSC-Verfahren (UKW, GW, KW)

(Foto: DGzRS)

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger sichert die deutsche Küste von Borkum bis Ueckermünde. Auf 54 Stationen sind fast 1.000 Seenotretter im Einsatz.

Weitere Informationen zu den Seenotrettern ...hier

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