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Der Traum wird wahr

Mein Leben als Seenomade, lange, bevor ich den Klipper „Pippilotta“ kaufte, lange bevor ich eine Familie hatte und lange, bevor ich überhaupt auch nur im Entferntesten daran dachte, jemals wieder sesshaft zu werden, begann – in London. Weitab von der See, in Clapham North, mitten drin in den Lichtern und dem Gebrause und dem Gewusel der Millionenstadt. Ein halbes Jahr oder auch länger hatten wir hier schon gelebt, meine damalige Gefährtin Sabine und ich, mit allen dazu gehörigen Hochs und Tiefs. Der Trubel und die Energie und der Lärm und der Gestank der Millionenstadt. Die kleinen Oasen zwischen Häusermeer und Straßenschluchten; schöne Parks und kleine, idyllische Stellen am Ufer der träge und schmutzig dahin fließenden Themse. Aber eben auch immer wieder die Sehnsucht nach Frischluft, nach Weite und nach Horizonten. Und die Frustrationen, wenn man, Freitag abends, Stunden brauchte um, wie abertausende  andere auch, überhaupt erst einmal aus der Stadt heraus zu kommen – geschweige denn, bis zu einem Boot an der Küste. Und der sich allmählich steigernde  Widerwillen, nach einem Tag oder einem Wochenende auf See in diesen stinkenden, schmutzigen, monströsen menschlichen Ameisenhaufen zurückkehren zu müssen.

Sabine und ich lebten vergleichsweise kommod in einer Erdgeschosswohnung in Clapham Common North Side. Park vorne, schöner Garten inklusive Goldfischteich achtern. Viele sehr gute Restaurants in fußläufiger Entfernung, der Heimweg war auch nach mehreren Flaschen Chablis noch einigermaßen gut zu bewältigen. Nachteile gab es natürlich auch. Der Fluss vor der Tür bestand aus einem niemals abreißenden Strom von Autos, die in rätselhafter Mission 24 Stunden am Tag unterwegs waren. Und in den ersten drei Wochen nach unserem Einzug wurde genau dreimal in die Wohnung eingebrochen. Einmal war Sabine alleine Zuhause, lag gerade in der Badewanne, als zwei halbwüchsige Teenies das Badezimmerfester aufhebelten, auf der Suche nach weiteren Kameras, Radios oder Kleingeld. Das Leben im Großstadtdschungel: Wild und gefährlich, tatsächlich. Und wenig erbaulich. Glücklicherweise war nichts weiter passiert, sie schrie aus Leibeskräften und die zwei Kids machten sich flugs aus dem Staub.

All dies verstärkte und belebte meinen alten Traum. „Lass uns auf ein Segelboot ziehen und all diesem Wahnsinn davon segeln“, sagte ich eines schönen Abends in einem ebenso schönen und teuren und sehr trendigen Restaurant in Clapham. Wir hatten uns in Hamburg beim Segeln kennen gelernt, London an sich unterstützte mich in diesem Plan, nämlich dank der abschreckenden Wirkung des hier erlebten Landlebens, und so beschlossen wir an jenem denkwürdigen Abend nach einigen Flaschen Wein, diesen Gedanken endlich und schnellstmöglich in die Tat umzusetzen.

So saßen wir bei Austern und Muscadet, Lammfilets in provenzalischen Kräutern mit Burgunder und anderen Leckereien, zwischen Investmentbankern und Immobilienfritzen und anderen, wahnsinnig wichtigen und wahnsinnig erfolgreichen Leuten und sprachen von Asien, Delfinen, Korallenriffen, Palmen, Moskitos, korrupten Beamten in fernen Staaten und mit wie wenig Geld wir auf Dauer wohl auskämen. Bestellten bei dem Gedanken vorsorglich gleich noch eine Flasche guten, teuren Wein und träumten vom Rumhängen auf exotischen Ankerplätzen und vom lockeren Leben unter Segeln. Ganz im Kontrast zum eher unlockeren Leben als Texter, Kontakter, Übersetzer und Projektleiter in der Londoner Werbeagentur oder dem zuvor gelebten, anstrengenden Leben als Inhaber einer ähnlichen Agentur in Hamburg. Tranken also auf den neuen, verheißungsvollen Lebensabschnitt, das bevorstehende Abenteuer. Ein Abenteuer, das zumindest für mich glücklicherweise sehr lange andauern sollte...

Erstmals geträumt hatte ich diesen Traum, in einer einigermaßen konkreten Fassung wohlgemerkt, übrigens schon als 19-jähriger. Als ich nämlich mit meinem Freund Axel und dem bereits erwähnten Folkeboot, das etwa 7,50 Meter lang war und das als einzige navigatorische Ausrüstung einen Kompass, einen Handpeilkompass und ein aus einem Stück Holz, einer Leine und einer Stoppuhr bestehendem Log besaß, nach Norwegen gesegelt war. Navigation ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem ankommt und Norwegen ist ein großes Land, das man nur schwer verfehlen kann. Aber wie auch immer, wir zwei Jugendliche wurden mit unserem kleinen Bötchen immer wieder bestaunt: Ihr seid von Deutschland aus hierher gesegelt? In dem winzigen Boot? Und so weiter. Noch genauer erinnere ich mich aber an jene entscheidende, magische Nacht vor Norwegens Südwestküste. Wir waren auf dem Weg nach Stavanger, haben es dann aber gerade eben doch nicht mehr geschafft, sind vorher umgedreht und nach Süden zurück gesegelt. Diese Nacht jedenfalls war ganz untypisch dunkel für skandinavische Verhältnisse, und sehr still. Unendlich viele Sterne blinkten in unendlich weiter Ferne über mir. Ich lag auf dem kleinen Achterdeck, die Beine schon auf dem Seitendeck außerhalb des Cockpits, und sah hinauf, in der einen Hand die Pinne, in der anderen ein Bier. Das Wasser, dicht neben mir, gluckste samten und schwarz und ruhig und tief. Kaum ein Lufthauch kräuselte die Oberfläche, es wehte gerade genug, um die Segel zum Stehen zu bringen und um das Boot mit ein oder zwei Knoten Fahrt durch das Wasser kriechen zu lassen. Es war eine Stille, die in meinen Ohren toste. Nur ab und an klapperten die Blöcke der Großschot, wenn sich das Boot sanft in der Dünung wiegte. Sonst passierte nichts. Das Leuchtfeuer von Torungen blinkte hell und deutlich etliche Seemeilen an Steuerbord voraus, weiter draußen auf See zogen hin und wieder die roten oder grünen Positionslichter der Frachter vorbei, je nachdem, ob sie mit uns liefen (dann grün) oder auf dem entgegen gesetzten Kurs nach Süden liefen (dann rot). Axel schlief unter Deck, es wäre an der Zeit gewesen, ihn für seine Wache zu wecken. Ich ließ ihn aber schlafen, wollte nämlich ganz egoistisch diese köstliche Nacht noch weiter und alleine auskosten. Und dachte: So müsste man leben. Immer an Bord und möglichst auch immer auf See, segeln, immer weiter und weiter und nur selten an Land, zum Proviantieren höchstens mal. Zwar hatte ich, natürlich, nicht die geringste Ahnung wie sich das realisieren ließe, meinte es damals aber schon durchaus ernst.

Jetzt, runde 15 Jahre später in London, folgten endlich Taten. Wir gaben unsere teure Londoner Wohnung auf. Verkauften die Möbel. Zogen in eine billige, möblierte Bude an die Südküste, in Lymington, dem Zentrum der Seglerwelt. Wir rechneten fest damit, dass wir hier, irgendwo entlang der Südküste, ein Boot finden würden. Fanden dann auch eines, nämlich an der Ostküste Englands. Mehr als zwei Stunden Autofahrt von Lymington entfernt, immer schön durch London hindurch beziehungsweise daran vorbei: Auf der berüchtigten M 25, der vielspurigen Ringautobahn, die einmal um London herum führt und die als größter Parkplatz der Millionenmetropole verrufen ist weil der Verkehr dort leider eben immer mehr steht als fließt.
Immerhin, die Benzinkosten für die langen und vielen Fahrten von Lymington an die Ostküste konnten wir uns nun ja leisten – dank der niedrigen Miete im Süden.

Das Schiff war ein Katamaran. Wir hatten es uns in den Kopf gesetzt, dass wir besser auf zwei Rümpfen würden an Bord leben können. Ein Katamaran hat, bei gleicher Länge, nun einmal doppelt soviel Platz an Bord wie ein Einrumpfboot. Und er liegt beim Segeln nicht immer schief, auch das erleichtert das Leben ungemein. Leider war dieser spezielle Katamaran zu schwer gebaut – der gemütliche, gusseiserne Kohleofen im Salon war in dieser Hinsicht auch nicht hilfreich – und wenn segelnde Mehrrumpfboote eines nicht abkönnen, dann ist es: Übergewicht. Und nun kamen wir. Verschönerten das Boot von Innen unter Verwendung von viel Holz. Schleppten dann unseren Hausrat mitsamt etlicher Kisten voller Bücher und CDs an Bord, packten dann noch die Vorräte für die ersten paar Monate dazu. Als wir endlich mit den Renovierungsarbeiten fertig waren, kam der große Moment. Von einem Traktor gezogen, wurde unser zukünftiges Heim in den Fluss Blackwater gelassen. Dazu ging es einen relativ festen, relativ steilen Strand hinab. Und zwar mit Schmackes. Glücklicherweise sprang der Motor gleich an, denn wir rauschten mit einem großen Schwung ins Wasser. Anders wäre es auch nicht gegangen. Der Traktorfahrer hatte schon versucht, noch zu bremsen. Aber mit qualmender Bremse wurde der Traktor vom Gewicht unseres Schiffes einfach mit ins Wasser gezogen.
Das Schiff jedenfalls, anders als der Traktor, schwamm. Segeln tat es weniger gut, eben wegen diesem Übergewicht. Das fanden wir jedoch erst später heraus, auf einem kurzen „Abstecher“ nach Hamburg, wo wir unseren Familien und Freunden noch einen Besuch abstatten wollten, bevor es dann wirklich losgehen würde. Kurs: Südwest, immer der Sonne nach. Immerhin schafften wir es tatsächlich, mit diesem sehr gemütlichen und sehr wohnlichen Schiff, das eben leider nur so mäßig segelte und auch gar nicht unter Motor lief weil das Getriebe ständig kaputt ging, bis nach Portugal zu kommen. Und von dort aus, nachdem wir uns „vorübergehend“ getrennt hatten, auch wieder zurück nach England. Wo ich es verkaufte und auf einen kleinen Gaffelkutter zog und sehr glückliche Monate im Hafen von Southampton an Bord lebte, inmitten einer kleinen und fröhlichen Gemeinschaft von „Liveaboards“.
Ja, wir waren es endlich: Liveaboards! Richtig klar wurde es uns an einem schönen Abend, noch im Katamaran, unterwegs von England nach Hamburg im Hafen von Den Helder. Dort kamen wir mit einem älteren Herren ins Gespräch, der hier sein Boot liegen hatte. Irgendwann sagte er: „Ihr seid also richtige Liveaboards! Ich habe mein Leben lang davon geträumt, auch einmal an Bord zu wohnen, aber es hat nie geklappt. Und jetzt ist es wohl zu spät dazu.“ Wir lebten nun gerade erst einige Wochen an Bord, aber an jedem Abend traf es mich wie ein Schlag: Ja, ich habe es geschafft! Meinen Traum zu leben…

3. Kapitel aus dem Buch
Flaschenpost und Wolkenkino
Paperback im Format 13,5 mal 21,5 Zentimeter
144 Seiten
Preis: 9,80 Euro
ISBN 3837049213
Mehr Infos unter www.flaschenpost-und-wolkenkino.de

Über das Buch Flaschenpost und Wolkenkino

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Wasser ist Bewegung, Wasser ist Leben. Aber Leben auf dem Wasser? Zumindest in Deutschland ist das eher ungewöhnlich. Dabei gibt es keine schönere Art zu wohnen und zu leben, meint zumindest der Autor dieses Buches, Detlef Jens. Jahrelang war er, mit verschiedenen Yachten, auf den Meeren unterwegs und traf dabei die wunderbarsten Menschen. Jetzt, mit Familie, ging er zwar in Hamburg vor Anker – aber deswegen noch lange nicht an Land.

Das Buch „Flaschenpost und Wolkenkino“ ist – ja, was? Roman? Dokumentation? Autobiographie? Bericht? Von allem etwas. Es ist vor allem die humorvoll und unterhaltsam erzählte Geschichte eines Lebens auf und mit Segelschiffen. Von einer jungen Familie, die auf einem sehr alten Frachtsegler lebt. Und von den unterschiedlichsten Menschen, die eines eint: Die Leidenschaft für die See und das unstete Leben auf dem Wasser. Mit anderen Worten: Verrückte, Boatbums, Liveaboards, Seenomaden. Wer auch nur einen Tropfen Salzwasser im Blut hat, den wird dieses Buch nicht kalt lassen – es entführt in eine andere Welt, die zu entdecken sich für Landratten ebenso lohnt, wie für gestandene Seebären.

Das Buch

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